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Wenn Eltern alt werden

Wenn Eltern alt werden

Mrz 12

Vom Rollentausch in Familie und Gesellschaft – Eltern sorgen für ihre Kinder. Bis das Kind bemerkt, dass der Sonntagsbraten versalzen, verbrannt oder am Freitag gekocht worden ist. Im schlimmsten Fall haben Eltern vergessen, dass man Vegetarier ist. Irgendwann ist es also andersherum: Plötzlich müssen Kinder Verantwortung für ihre Eltern übernehmen.

Plötzlich sind sie da: Beige, mit bunten Wildrosen bemusterte, armlehnige hässliche Kunststühle, zu groß für den dunklen Esstisch und sich farblich beißend zu den Mosaikfliesen der elterlichen Küche. Dialoge mit der sonst so stilsicheren Mutter verlaufen dann meist so:
"Mama, was ist das?"
"Das sind unsere neuen Stühle."
"Mama, die sind hässlich."
"Ich weiß. Aber sie sind bequem."
Das zwangsläufige Probesitzen bestätigt zwar die mütterliche Aussage;  aber auch die Erkenntnis, dass es im Alter immer mehr um Zweckdienlichkeit geht, als um Stil. Nicht nur bei der Autorin lösten diese und andere Ereignisse einen Schock aus.
Der Moment, in dem man realisiert, dass es nicht mehr die eigenen Eltern sind, die einen umsorgen, sondern man selbst der ist, der ihnen erklärt, dass man das Internet nicht löschen kann, ist erschütternd. Während man als fast 30-Jährige noch an der Schmeichelei festhält, beim Tabakkauf nach dem Ausweis gefragt zu werden, stellt einen der Fakt, dass Mutter und Vater nicht mehr so gut können wie einst, vor eine große Herausforderung. Hat man doch gerade erst das einschneidende Erlebnis überwunden, dass Eltern nach dem Auszug der Kinder durchaus befreit wirken können.
Während wir uns noch an den Leitspruch des Jahrzehnts klammern, Vierzig sei das neue Dreißig, spricht Harald Martenstein – Kolumnist des Zeit-Magazins – das aus, was unsere Eltern längst wissen: "Das stimmt nicht. In Wahrheit ist Vierzig das, was vor Fünfzig kommt."
Mit Fünfzig sind Eltern noch nicht alt. Man selbst ist doch grad erst erwachsen und selbstständig geworden. Während man damit beschäftigt ist, einen Waldkindergarten zu gründen oder sich eine Küche mit möglichst langem Esstisch einzurichten, sucht sich die nun in Teilzeit arbeitende Mutter ein ausgefallenes Hobby: Namen mit Öl auf Strukturkarton pinseln, beispielsweise.
Vollkommen undenkbar, dass Eltern zu den Menschen gehören, die Überweisungsträger händisch ausfüllen oder eine Enzyklopädie für viel Geld kaufen. Und wenn doch, dann sind sie der Zeit eben hinterher, aber keinesfalls alt. Im Gegenzug sehen sie in der Heirat mit dem jungen Kurden ein Problem, im Wählen der Piratenpartei ebenso, die ADHS-Diagnose des Enkelkindes sorgt für Beklemmung. Doch das ist in Ordnung. Man hat sein eigenes Leben, Eltern wie Kinder.
Sie sagen: "Ich habe ein Problem mit Emil", und meinen das Einrichten einer Emailadresse. Sie sagen Wok, und meinen die Vogue. Sie sind stolz über ihren neuen "LSD-Fernseher". Wir schmunzeln darüber. Und schieben die sich langsam ankündigende Erkenntnis vor uns her.
Doch abends auf dem Sofa, nach dem Bachelorfinale, bleibt eine unumstößliche Erkenntnis: Es sind nicht nur die Großeltern, die älter werden. Auch Väter mit Krebsdiagnose werden nicht mehr gesund. Mütter werden immer schusseliger, erschreckend ähnlich den Großmüttern, die an Demenz erkrankten. In deren Hülle man vergeblich nach Liebe oder Wärme fahndet. Jede Erinnerung Rührung und absolute Erfüllung bedeutet. Zu spät für sie, um das eigene Ableben indianerhaft zu steuern. Man erinnert sich an die Großväter, denen man einst beim Spazierengehen die Hand hielt. Wie man erschüttert war, über die knöcherne, zitternde ehemalige Riesenpranke. Man ertappte sich bei dem Wunsch, dass es ein schnelles, friedliches Ende nähme.
Eltern holen einen in dieser Phase auf den Boden der Tatsachen zurück. Zugleich zeigt sich die grenzenlose Liebe und Dankbarkeit zu ihnen in diesem Lebensabschnitt am deutlichsten.
Gebannt schaut man dann den Film über den an Alzheimer erkrankten Rudi Assauer und überprüft jedes Verhalten auf die eigene Verwandtschaft. Wir sind in einer Zeit angekommen, in der die Wahl von Greisen wie Joachim Gauck, Heiner Geißler und Otto Rehhagel als etwas Besonderes anmutet. Hinter jedem über 70-Jährigen vermutet man Erkrankung, Verkalkung, zumindest aber Starrsinn. Unsere Eltern gehören zu den sogenannten Babyboomern und diese haben es, laut FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, verkackt. Nicht nur der Bundespräsident a.D. kämpft um seine Pension, auch die eigene Mutter steht fassungslos der Versetzung, der Stundenaufstockung und der Heraufsetzung des Rentenalters gegenüber. Dabei gehörte sie einst zu den Löwinnen, die nicht nur stark waren, sondern auch schön. Das ist ein schwerer Brocken Realität. Muss doch ein Teil der eigenen Komfortzone zugunsten der Fürsorge und Verantwortung für Mütter und Väter aufgegeben werden. Und wie mag es erst den Eltern gehen, mit dem Mehr an gefühlter Überwachung?
Wenn man Väter über Sechzig nach Beschwerden fragt, antworten sie, dass ihnen lediglich manchmal, keinesfalls immer, das Knie nach dem Radfahren wehtäte, oder nach dem Rasenmähen etwas schwindlig sei. Dafür flennen sie bei jeder zweiten Folge des Tatorts. Wenn ihnen etwas wehtut, denken wir sofort: "Krebs. Das war’s jetzt." Also formulieren wir in Gedanken Ziele für unsere Väter: möglichst langes Überleben, ohne Prostatakrebs, idealerweise mit intaktem Gebiss.
Wenn Mütter über Sechzig etwas vergessen, denken wir jedes Mal, dass sie langsam dement werden. Der Verlust des Haustieres manifestiert sich in einer Tragödie. Wenn sie dann auch noch Sachen sagen wie: "Ist heut schon mein dritter guter Tag in Folge", ist die Unbeschwertheit des Heranwachsens vorbei.
Das beunruhigt und man hofft, dass der Zustand von uralten Großeltern auf reaktionärste Weise mit der Vererbung von Genen zusammenhängt. Am allermeisten auch, weil man selbst Schiss vor dem Älterwerden hat. Wenn wir uns mit unseren Erzeugern auseinandersetzen, setzen wir uns immer auch ein Stück mit uns selbst auseinander. Es zeigt uns unsere Zukunft mit der Hoffnung, dass es besser wird. Dabei wissen wir längst, dass es schlimmer kommt.
Jeder dritten Frau und jedem zweiten Mann in einer Industrienation wird im Laufe des Lebens eine Krebsdiagnose gestellt, von Demenz oder Alzheimer ganz zu schweigen. Und tatsächlich: Horchen wir nach in unserem Freundeskreis, kommt monatlich eine Krebsdiagnose hinzu. Man ist froh, dass es noch nicht die eigenen Eltern getroffen hat. Mag uns noch die Hoffnung etwas Mut geben, in vierzig Jahren gäbe es die passende Medikation, vermeiden Väter Arztbesuche, um eine Diagnose zu bekommen.
Aber erst mal beginnt man, sich mit Patientenverfügungen und Pflegegeldern auseinanderzusetzen. Es treten andere Dinge in den Vordergrund: Entfremdung, Einsamkeit und Schwäche bis hin zu Krankheit, Trauer und Tod. Das ist unangenehm und schmerzhaft. Man stößt an seine Grenzen, weil Mütter beim Anbringen von Gardinen scheitern und Väter, in der Hoffnung, es bekäme niemand mit, Schmerztabletten in sich hineinschlingen. Kommt dann noch die häusliche Pflege hinzu, ändern sich Lebens- und Kommunikationsformen vollständig.
Man funktioniert werktags beim attraktiven Arbeitgeber, am Wochenende fährt man zum sterbenden Vater. Man kocht Pilzpfannen, schlägt sich mit Krankenkassen herum und plant die Beerdigung. Wenn man dann doch lachend in der Küche einer Freundin sitzt, überrascht es einen, dass diese eine nicht verurteilt. Man möchte Eltern auf diesem Weg mit Respekt begleiten, einigen Glücklichen gelingt das eben auch mit Humor. Mut gehört immer dazu.
Die Familie rückt wieder näher zusammen, seelisch und körperlich. Spätestens dann sind Konflikte programmiert, gerade im Alltag. Hinzu kommt Unwissenheit. Hilft man den Eltern beim Toilettengang und wenn ja, wie? Wie soll man die Binden von den Beinen des bettlägerigen Vaters abnehmen? Es sind nur die Waden, doch für viele ist dies intim genug und bedeutet eine enorme Hemmschwelle. Was passiert erst bei Inkontinenz und dem Waschen von alternden Körpern? Aber auch falsch servierte Aspikröllchen und das Aufhängen von Wäsche können dann zum Problem werden. Es bedeutet schließlich eine Aufgabe von Lebensqualität, auf eine bestimmte Kaffeesorte oder die Lieblingspralinen zu verzichten.
Doch nicht nur wir müssen lernen, damit umzugehen. Auch unsere Eltern müssen lernen, sich helfen zu lassen. Es ist nicht nur unsere Seite, die sich anpassen muss. Man wird durch das Altern verletzlich, das Selbstwertgefühl leidet bei eingeschränkter Mobilität. Man stelle sich den 70-jährigen, geistig fitten Vater vor, der zum ersten Mal von seiner Tochter gewaschen wird. Vielleicht reagiert er aggressiv,  vielleicht wehrt er sich, zumindest wird er seine Hilfsbedürftigkeit zu kaschieren versuchen.
Beide Seiten müssen lernen, sich mit den jeweiligen neuen Lebensbedingungen auseinanderzusetzen und diese zu akzeptieren. Noch sorgen wir uns, dass sie zu viel trinken, irgendwann werden sie mangels Durstempfinden zu wenig trinken. Es kommt zu einer Art Tauschgeschäft, in der es nicht nur um Erbe gegen Pflege geht, sondern in erster Linie um einen Rollentausch innerhalb der Familie.  Machtverhältnisse ändern sich. Das ist alles furchtbar unangenehm, doch solange man den gegenseitigen Respekt wahrt, ist auch das möglich. Es geht um eine Unterstützung auf Augenhöhe und die Wahrung der Hierarchie, nicht um Bevormundung. Eltern sollen Eltern bleiben, für Kinder erweitern sich lediglich die Kompetenzen. Das muss nicht mit dem Ablegen der Würde einhergehen, minimal aber mit sonstigen Altersgebrechen wie schlechten Angewohnheiten (Hochziehen, Schmatzen, Aufstoßen). Aber gute Kinder ertragen das.

Annelie Naumann


2 Kommentare zu „Wenn Eltern alt werden”


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