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"Jetzt ist Schluss mit dem Judenspuk" Die Reichspogromnacht in Rostock

Nov 08

Der 09. November gilt als "Schicksalstag" der Deutschen. An diesem Tag fällt 1989 die Berliner Mauer. 1918 verkündet Philipp Scheidemann vom Berliner Reichstag die Republik und setzt einen Schlussstrich unter die Monarchie in Deutschland. Und 1923 versuchen Hitler und Ludendorff am 09.11. die junge Demokratie aus den Angeln zu heben, um sich an die Macht zu putschen. 15 Jahre später, in der Nacht vom 09. zum 10. November 1938 kommt es in deutschen Städten zu Ereignissen, die als Novemberpogrome in die Geschichte eingehen werden. Wohnungen und Geschäfte jüdischer Bürger werden mit bis dahin beispielloser Brutalität und Systematik zerstört und geplündert, Juden verhaftet und verschleppt. Auch Reichspogromnacht genannt, markiert sie den Beginn einer staatlich angeordneten und methodischen Verfolgung des jüdischen Volkes. Das Ereignis jährt sich nun zum 70. Mal. Wir wollen nachvollziehen, was in dieser Nacht in Rostock geschah.

Bevor die Nazis in Deutschland die Macht ergriffen, hatte die jüdische Gemeinde in Rostock ungefähr 300 Mitglieder. Die demokratische Verfassung der Weimarer Republik sicherte ihnen Religionsfreiheit zu und schaffte alle bis dahin existierenden Beschränkungen für ihre Tätigkeiten ab. Jüdisches Leben erlebte eine Blütezeit, Juden waren integriert und spielten im öffentlichen Leben Rostocks eine aktive Rolle. So war Hedwig von Goetzen die erste in Rostock tätige Ärztin. Sie gründete eine Privatklinik für Geburtshilfe, die sich zu einer hoch geschätzten Institution entwickelte. Sie arbeitete eng mit Marie Bloch zusammen, die in der Paulstraße einen Kindergarten und eine Pflegerinnenschule eröffnete und sich stark in sozialen Bereichen engagierte. Auch an der Universität gab es herausragende Persönlichkeiten. Prof. Hans Moral wurde 1914 Direktor des Zahnärztlichen Instituts und der angeschlossenen Poliklinik. Die wurde unter seiner Leitung zu einer der renommiertesten Einrichtungen der Zahnmedizin in Deutschland.


Nachdem Adolf Hitler die Weimarer Republik in Trümmer legte und Deutschland seiner Hybris erlag, änderte sich das Leben für Juden schlagartig. 1933 wurde offiziell zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen und in den Nürnberger Rassegesetze von 1935 wurde der
Antisemitismus staatlich verordnet. Juden waren ihrer grundlegenden Bürgerrechte beraubt und die Vertreibung aus dem wirtschaftlichen Leben war eingeleitet. Wie viele Andere wurde auch Hans Moral 1933 von seiner Stelle als Institsdirektor beurlaubt. Diese Schmach konnte er nicht überwinden und nahm sich kurz darauf das Leben.

All dies sollte aber nur ein bitterer Vorgeschmack auf das sein, was in der Nacht vom 09. zum 10. November 1938 in Rostock und ganz Deutschland folgte. Melitta Josephy, Frau des Rostocker Juristen Richard Josephy schildert, was tausendfach geschah: "Morgens gegen 10 Uhr drangen ca. 50 SS Burschen bei uns ein. Das Demolieren begann und ich musste mit anhören, wie alles krachte. Die Männer waren in Haft genommen, so daß wir Frauen allein den Unholden ausgeliefert waren. Im Büro meines Mannes flogen die Schreibmaschinen sowie die Akten durchs Fenster. Die Möbel wurden zerhauen oder angesägt. Alles, was durch die Fenster flog, durfte ich nicht wiederholen, da bis zur Nacht Wache aufgestellt worden war und die Passanten fast alles stahlen, was draußen lag. Im Salon flogen die schweren Sessel durch das große Blumenfenster. Perserteppiche wurden eingeschnitten, sämtliche Gardinen und Vorhänge heruntergerissen, wertvolle Bronzen zerhauen oder durch die Fenster geworfen, Gemälde zerstochen. Mein Sohn Albrecht, der das Gymnasium besuchte, sollte auf Anstiftung eines Lehrers gelyncht werden, nur mit knapper Not entkam er zur Großmutter. Am nächsten Tag kam der Polizeipräsident Sommer mit Gefolge in unser Haus und fand das Werk seiner 'Getreuen' nach seinem Sinne vollbracht."

Dem Raubzug vorausgegangen war ein Brandanschlag auf die 1902 erbaute Synagoge in der Augustenstraße. Sie war die letzte öffentliche Zufluchtsstätte für Rostocker Juden, um den öffentlichen Demütigungen zu entgehen. Arnold Bernhard, letzter Vorsteher der jüdischen Gemeinde, musste am Morgen des 10. November hilflos zusehen, wie das Gotteshaus vollkommen nieder brannte. Daraufhin war kein Geschäft, kein Haus vor den plündernden Banden mehr sicher. Möbel wurden auf die Straße geworfen, Fensterscheiben zerschlagen, alles was nicht niet- und nagelfest war, fiel einer blinden Zerstörungswut zum Opfer. Eine Rostockerin erinnert sich: "Hanni Fischel war meine Schulfreundin. An dem Tag im November kamen Hanni und ich (wir waren 9 Jahre alt) aus der Schule. Als Hanni in ihre Wohnung in der Großen Mönchenstraße wollte, sahen wir, wie aus der obersten Etage - der Fischelschen Wohnung – ein Klavier aus dem Fenster gestürzt wurde. Am Nachmittag habe ich dann noch erlebt, daß die Scheibe vom Schuhgeschäft Fischel, Schmiedestraße 12 /13, zertrümmert war, die
Schuhe von der Bevölkerung aus den Regalen und Kästen gerissen wurden und jeder nahm sich Schuhe mit. Am nächsten Tag kam Hanni nicht mehr zur Schule, ich habe sie nie wieder gesehen."

20.000 Menschen wurden in ganz Deutschland an diesen zwei Novembertagen verschleppt. In Rostock waren es 64 Juden, die gefangen genommen und in das Zuchthaus Altstrelitz transportiert wurden. Kurt Gramm berichtet von den Verhaftungen: "Ich arbeitete 1938 als Verkäufer im Schuhgeschäft Fischel. Der Inhaber und ich wurden aus dem Laden heraus verhaftet. Die Schutzpolizei führte uns in das Polizeigefängnis am Neuen Markt. Auf dem Markt hatte sich eine johlende, mit Knüppeln bewaffnete Menge angesammelt. Unter ihren Rufen 'Schlagt sie tot' mußten wir in Busse steigen, die uns ins Landeszuchthaus brachten."


Im Gefängnis Altstrelitz angekommen mussten die Inhaftierten Zwangsarbeit in den umliegenden Mooren ableisten. Die Angehörigen in Rostock mühten sich um die baldige Freilassung der Männer. Nur Wenigen gelang das. Nach einigen Tagen wurde Paul Bernhard, der Bruder des Gemeindevorstehers Arnold Bernhard und Dr. Leo Glaser entlassen. Auch Dr. Richard Josephy, Hugo Renner und Martin Wolff konnten vor Weihnachten nach Rostock zurück kehren. Sie waren mit nicht jüdischen Frauen verheiratet und Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg gewesen.

Nicht alle Rostocker Bürger sahen der Zerstörung jüdischer Existenzen tatenlos zu. So warnte Wilhelm Harder seinen ehemaligen Nachbarn Hugo Renner, nachdem er die Gestapo vor seiner Wohnung vorfahren sah. Renner konnte sich kurzfristig nach Hamburg absetzen, kehrte aber zurück, als er erfuhr, dass seine zwei minderjährigen Söhne verhaftet wurden. Nach seiner Rückkehr wurde auch er nach Altstrelitz
gebracht.

Als der Jurist Dr. Otto Düwel von der Verwüstung des Hauses von Richard Josephy erfuhr, war er schockiert und setzte sich für
die Freilassung seines Kollegen ein. Daraufhin wurde auch er verhaftet.

Viele Rostocker reagierten mit Unbehagen auf die Ereignisse des 09. November. Doch folgte dem Gefühl der Beklemmung kein öffentlicher
Protest. Angst vor Repressalien, das Gefühl der Ohnmacht, simple Gleichgültigkeit oder offene Billigung der Pogrome sorgten dafür, dass die jüdischen Mitbürger so gut wie keinen Beistand vom Rest der Bevölkerung erwarten konnten. Die Furcht vor Polizei und Staat wurde durch die Rostocker Presse noch geschürt. "Judenfreund in Schutzhaft", "Mitleid nicht am Platze" oder "Jetzt ist Schluß mit dem Judenspuk" waren die Schlagzeilen dieser Tage.

Nachdem die Welle der Zerstörung und Verhaftung abebbte, standen die Juden Rostocks vor den Trümmern ihrer Existenz: Ihre Wohnungen waren verwüstet, das Kaufhaus Wertheim in der Kröpeliner Straße war kaputt und geplündert, ebenso wie der Schuhladen Fischel, Paula Blochs Uhrengeschäft in der Doberaner Straße, Curt Löwensteins Kaufhaus Kapeda oder die Produktenhandlung Meyer Gimpel in der Lohgerber Straße 11. Der Kindergarten von Marie Bloch blieb unzerstört, sie musste jedoch, genau wie alle jüdischen Unternehmer, ihren Besitz zwangsverkaufen. Das Haus Richard Josephys wurde auf direkte Weisung des Rostocker Oberbürgermeisters Volgmann zu einem lächerlichen Preis der Stadt überschrieben.

Mit dem Geld konnten die Enteigneten jedoch wenig anfangen. Es wurde auf Sperrkonten überwiesen und sollte für die so genannte "Judenbuße" verwendet werden. Für die Auslöschung ihrer Existenzen durch Volk und Staatsgewalt wurde den Juden in Deutschland eine Milliarde Reichsmark Geldstrafe auferlegt.

Auch Arnold Bernhard musste das Grundstück, auf dem die verkohlten Reste der Synagoge standen, der Stadt verkaufen. Mit dem Erlös unterstützte er die verbleibenden Gemeindemitglieder und versuchte, ihnen die Auswanderung zu finanzieren.

Einige Rostocker Juden konnten der Deportation entgehen und den Holocaust überstehen. Hedwig von Goetzen überlebte, weil sich ihr
nicht jüdischer Mann weigerte, sich scheiden zu lassen. Abraham und Rehanna Fischel entkamen mit ihren Kindern nach Palästina. Arnold Bernhard konnte seine Kinder in Sicherheit bringen, sie flohen nach England. Er selbst jedoch wurde mit seiner Frau, seiner Mutter und einer Pflegetochter 1943 nach Theresienstadt deportiert, er starb ein Jahr später in Auschwitz. Auch Marie Bloch kam 1943 in Theresienstadt ums Leben. Richard Josephy blieb in Rostock und leistete, trotz Berufsverbot, bis zum Schluss den verbliebenen Juden Rechtsbeistand. Er wurde 1944 bei einem Bombenangriff in Rostock getötet.

Der 09. November ist Deutschlands "Schicksalstag". So sagt man. Doch was in dieser Nacht 1938 geschah, ob in Rostock oder anderswo, hat mit Schicksal, also unveränderlicher Vorsehung nichts zu tun. Gleichgültigkeit der Masse, Opportunismus und Blindheit der Öffentlichkeit und kreischender Nationalismus sorgten dafür, dass eine blühende Kultur vernichtet wurde.


Birke Scheffler

6 Kommentare zu „"Jetzt ist Schluss mit dem Judenspuk" Die Reichspogromnacht in Rostock”


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