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Der dritte Versuch muss klappen

Nov 08

Juri Rosov wurde 1960 in der ehemaligen Sowjetunion geboren, studierte in Simferopol auf der Krim Literatur und Dramaturgie und war vor seiner Emigration als Lehrer tätig. Seit 2004 ist er Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Rostock. Außerdem ist er Autor zahlreicher Bühnenstücke und Schauspieler beim Theater Mechaje. 0381 sprach mit ihm über den 09. November 1938, seine Gemeinde und das Leben als Jude in Deutschland.

 

0381-MAGAZIN: Welche Bedeutung hatder 09. November für die jüdische Gemeinde in Rostock?


Juri Rosov: Es mag überraschend klingen, aber es ist eigentlich kein großes Datum für unsere Gemeinde. Wir meinen, dass es eher ein Tag des Gedächtnisses für die Deutschen ist. Wir wollen da nicht die Hauptrolle spielen. Die Rostocker Tradition, am 09. November auf dem jüdischen Friedhof der Toten und Verfolgten zu gedenken, gab es ja auch schon vor der Neugründung unserer Gemeinde. Das hat mich jedes Mal berührt und finde das auch sehr wichtig. Ich will, dass es weiter so bleibt: Gedenken mit der jüdischen Gemeinde zusammen, aber nicht von ihr initiiert.


0381-MAGAZIN: Würden Sie sagen, dass Deutsche heute immer noch eine gewisse Schuld an den Verbrechen der Nazi-Zeit trifft?

Juri Rosov: Nein. Das Ziel am 09. November ist das Erinnern und nicht, um irgendeine Schuld zuzuschreiben. Wir in der Gemeinde sind weit
davon entfernt, den heutigen Deutschen eine Schuld für die Judenverfolgung zu geben. Ich habe besonders mit Jugendlichen viel darüber diskutiert. Es gibt schon noch Einige, die sagen, dass sie eine gewisse Mitschuld tragen. Aber ich glaube das nicht. Mit so einem Schuldgefühl ist es schwer zu leben und es bringt einfach nichts. Wir tragen alle Verantwortung für die Zukunft, aber keine Schuld für diese Vergangenheit.


0381-MAGAZIN: Seit einiger Zeit mehren sich die Meinungen, die NS-Zeit würde im Geschichtsunterricht zu viel Raum und Zeit einnehmen
und sollte daher reduziert werden. Wie sehen Sie das?


Juri Rosov: In meinem ersten Leben war ich ja auch Lehrer. Das ist ziemlich kompliziert. Ich finde es wichtig, klare Akzente zu setzen. Es kommt nicht darauf an, wie lange man diese Zeit behandelt, sondern wie. Über die Qualität des Unterrichts habe ich aber auch so meine
Zweifel. Einige Schüler und junge Mitglieder der Gemeinde stellen fest, dass viele Lehrer nicht davon überzeugt sind, was sie sagen. Sie
müssen aber gerade bei diesem Thema hinter dem stehen, was sie den Schülern beibringen und nicht nur den Lehrplan herunter beten.

0381-MAGAZIN: Was halten sie von der Patriotismus-Diskussion in Deutschland? Ist das Bedürfnis, Patriotismus für das eigene Land zu zeigen, in Deutschland fehl am Platz?


Juri Rosov: Das ist ein schwieriges Thema. Man sollte Patriotismus nicht nur den Rechten überlassen. Aber die Grenze zwischen Patriotismus und Nationalismus ist sehr fließend. Da muss man vorsichtig sein.

0381-MAGAZIN: Die NPD ist im Landtag von M-V, es gibt in Rostock und anderen Städten Läden, die als Knotenpunkt für die rechte Szene
fungieren, die sich dadurch weiter organisieren kann. Wie gehen Sie damit um?


Juri Rosov: Die Wahl hat lange für eine Diskussion in der Gemeinde gesorgt. Viele haben es als sehr schmerzhaft und schrecklich empfunden, dass es wieder Menschen gibt, die rechts wählen. Der Landesrabbiner hat dasmnach der Wahl jedoch umgekehrt. Er sei stolz, so sagte er, dass sich über 93 Prozent der Wähler gegen die NPD entschieden haben.


0381-MAGAZIN: Worin sehen Sie die Gründe der Menschen, NPD zu wählen?


Juri Rosov: Ich weiß auch nicht genau warum. Ich bin kein Analytiker. Der Hauptgrund war wohl Protest gegen die großen Parteien. Ich habe Ähnliches auch in der Ukraine und Russland erlebt. Vom Wähler ist das aber ziemlich dumm. Es ist so, als wenn ich von einem Menschen verletzt werde und mich aber bei einem anderen dafür räche.


0381-MAGAZIN: Haben Sie und Mitglieder Ihrer Gemeinde Angst, dass rechte Gewalt zunimmt und sich der Trend in Richtung rechts verstärkt?


Juri Rosov: Angst ist nicht das richtige Wort. Sorge eher. Ich kann mir schon vorstellen, dass es zunimmt. Aber man muss das in die richtige Perspektive setzen. Deutschland ist ein demokratisches Land. Rechte Tendenzen sind in anderen europäischen Ländern mindestens genauso groß oder noch ausgeprägter. Aber wenn man das mit der deutschen Geschichte verbindet, macht einem das schon Sorgen.


0381-MAGAZIN: Auch wenn sich die Frage klischeehaft anhört – wie kann man nach dem Holocaust als Jude entscheiden, nach Deutschland
emigrieren?


Juri Rosov: Es ist nicht leicht, als Jude in Deutschland zu leben. Diese Entscheidung ist emotional schwer zu treffen. Viele Verwandte
und Freunde sagen: Wie kannst du nur in einem Land leben wollen, in dem all diese Verbrechen stattfanden? Aber warum sollen wir hier nicht leben? Wir wollen nicht, dass Deutschland judenfrei ist, so wie es die Nazis damals angestrebt haben. Das wäre ein später Sieg der alten Ideologie. Aber es gibt natürlich auch andere Gründe. Ich und meine Familie sind hierher gekommen, weil wir denken, dass Deutschland eine Demokratie ist und wir hier willkommen sind. Ich sage immer, ein Mensch, der sich von einer schweren Krankheit erholt hat, wird sich so schnell nicht wieder mit der gleichen anstecken. Das kann man auch auf Deutschland übertragen.


0381-MAGAZIN: Das hört sich sehr zuversichtlich an.


Juri Rosov: Ich bin davon überzeugt. Man merkt es auch daran, wie Deutschland auf Konflikte in der Welt reagiert. Es ist manchmal
schon erstaunlich, wie pazifistisch deutsche Politik ist. Man spürt, dass die Leute hier keinen Krieg wollen und fast jeden Krieg als falsch
betrachten. Das kann man manchmal auch als naiv bezeichnen.


0381-MAGAZIN: Naiv auch in Hinblick auf den Konflikt in Israel?


Juri Rosov: Als Vorsitzender der Gemeinde muss ich manchmal zu Diskussionsrunden und werde oft mit Israel konfrontiert. Das ist eines der schmerzhaftesten Probleme, das wir zur Zeit haben. Viele haben Verwandte und Freunde dort. Es ist schwierig, gerade jungen Menschen, auch meinen Kindern, zu erklären, dass Gewalt manchmal notwendig ist. Wenn dein Nachbar mit Gewalt in dein Haus eindringt, dann kannst du ihn nicht gewaltlos zur Ruhe bringen. Was ich jedoch wichtig finde, ist, dass wir hier keine Repräsentanten Israels sind. Wir sind eine eigenständige Gemeinde. Wir haben eine innere Verbindung zu Israel, aber wir repräsentieren nicht den Staat und seine Politik. Wir können nicht die Dinge rechtfertigen, die in Israel passieren.

0381-MAGAZIN: Alle Mitglieder ihrer Gemeinde sind Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Wie betrachten sie sich - als Juden,
Deutsche, Russen, Ukrainer, ehemalige Sowjetbürger...? Ich stelle mir die Frage der Identität schwierig vor.

Juri Rosov: Das ist eines der größten Probleme für moderne Juden – die Identität. Wenn ich als Jude in Frankreich lebe, bin ich dann Jude,
Franzose, französischer Jude, jüdischer Franzose? Für uns als Einwanderer aus Russland, der Ukraine, den baltischen Staaten oder Moldawien ist es besonders schwer. Wir sind in einem Staat (Sowjetunion) aufgewachsen, in dem man die jüdische Religion nicht praktizieren konnte. Es gab kaum Synagogen, Rabbiner oder jüdische Schulen. Nur die älteste Generation, die vor der kommunistischen Revolution aufgewachsen ist, hat etwas von jüdischer Kultur mitbekommen. Wir wussten um unsere jüdischen Wurzeln, das erschien aber als nicht so wichtig. Wir haben uns eigentlich immer als Sowjetbürger gefühlt. Das war für uns ein Begriff mit Sinn. Nach 1990 mussten wir uns nun die Frage stellen, wer wir eigentlich sind. Viele von uns sind schon 10 oder 15 Jahre hier und können immer noch keine Antwort finden. Die Sowjetunion existiert nicht mehr und in den neuen Nationalstaaten hat sich viel geändert. Ein Zurück gibt es nicht mehr.

0381-MAGAZIN: Wie geht die junge Generation mit dieser Problematik um?


Juri Rosov: Bei den jungen Leuten zählen Länder und Nationen nicht mehr in dem Maße. Sie fühlen sich als Rostocker oder Europäer. Sie
wollen in keine Schubladen gesteckt werden. Vielleicht ist das auch gut so. Die Erdkugel dreht sich schneller als früher und es macht die Menschen reicher, wenn sie in ihrer Identität nicht so festgelegt sind.


0381-MAGAZIN: Wie werden Sie hier in Deutschland wahrgenommen? Welche Rolle spielt es, dass Sie jüdisch sind?


Juri Rosov: Man muss da zwischen der Gemeinde und den einzelnen Mitgliedern unterscheiden. Es gibt schon noch Leute, die antisemitische Vorurteile haben. Wenn man sich dann kennen lernt, stellen die meistens fest: Du bist ja in Ordnung. Was die Gemeinde angeht, so wird sie oft nicht als jüdisch, sondern als russisch angesehen. Nur weil das die Sprache ist, die wir untereinander sprechen. Wir sind aber keine russische Gemeinde. Unsere Mitglieder kommen aus den verschiedensten Ländern und besitzen ganz unterschiedliche Mentalitäten. Uns auf eine Sprache zu einigen, erleichtert einfach nur die Kommunikation. Es erstaunt mich schon, dass für manche Menschen die Sprache so eine große Rolle spielt. Ich finde, Sprache ist wie Kleidung. Sie zeigt zum gewissen Teil, wer du bist, aber sie trifft nicht deine Seele.


0381-MAGAZIN: Sind Juden in Deutschland integriert?


Juri Rosov: Das kann ich leider nicht sagen. Es gibt viele Leute, die sich hier nicht gefunden haben. Das hat zum großen Teil mit der fehlenden Arbeit zu tun. Mehr als 70 Prozent unserer erwachsenen Mitglieder haben einen akademischen Abschluss. Der wird aber hier nicht anerkannt. Die Enttäuschung darüber, dass ihr Studium nichts mehr wert ist, war sehr groß. Die Meisten hofften, ein oder zwei Jahre die Sprache zu lernen und dann wieder in ihrem alten Beruf arbeiten zu können. Viele haben gesagt, dass die Einwanderung ein Fehler war. Zurückgehen konnten sie aber auch nicht mehr, denn ihr altes Land hatte sich zu sehr verändert. Aber ich glaube, dass die junge Generation wirklich integriert ist. Sie gehen hier zur Schule, haben Freunde und eine gute Zukunft. Fast 70 Prozent der Jugendlichen unserer Gemeinde studieren. Es gibt da ein Gesetz der Integration. Die erste Generation, die in ein fremdes Land emigriert, ist eine verlorene Generation. Aber in den Kindern, der zweiten Generation, liegt unsere Hoffnung.


0381-MAGAZIN: Was wünschen Sie sich für die Rostocker Gemeinde?


Juri Rosov: Ich wünsche mir, dass die Gemeinde wächst, sich Jugendliche bei uns wohl fühlen und dass junge Familien mit Kindern vielleicht vom Westen zu uns in den Osten kommen und nicht umgekehrt. Wir wollen weiter unsere guten und offenen Beziehungen zu Rostock festigen und ausbauen. Die Gemeinde hat Zukunft. Es ist der dritte Versuch, die jüdische Gemeinde in Rostock zu etablieren und er muss erfolgreich sein. Es ist ein Zeichen der Gesundheit Deutschlands, wenn es lebendiges jüdisches Leben gibt.


Birke Scheffler

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