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Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Dietlind Glüer

Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Dietlind Glüer

Dez 18

Der Rostockerin Dietlind Glüer wurde heute im Festsaal des Rathauses vor etwa 150 Gästen der Ehrenbürgerbrief feierlich überreicht. In seiner Begrüßung erinnerte Oberbürgermeister Roland Methling daran, dass sich in der langen Reihe von Ehrenbürgern seit der Verleihung am 18. August 1816 an Gebhard Leberecht Fürst Blücher von Wahlstatt bis zum heutigen Tage keine einzige Frau findet. „Seit der friedlichen Revolution des Herbstes 1989 haben wir in Rostock viermal das Ehrenbürgerrecht verliehen und auch darunter gab es bis heute keine Frau. Im 100. Jahr des Wahlrechts für Frauen ist es nun soweit, endlich wird eine Frau Ehrenbürgerin Rostocks. Es freut mich außerordentlich, dass wir heute die Ehrenbürgerwürde an Frau Dietlind Glüer als besondere Wertschätzung für ihr außergewöhnliches und bleibendes Wirken für eine demokratische Gesellschaft in der Hanse- und Universitätsstadt Rostock verleihen. Die Verdienste von Frau Glüer erfüllen in jeder Hinsicht die in unserer Satzung festgeschriebenen Kriterien für die Verleihung des Ehrenbürgerrechts."

Rostocks Bürgerschaftspräsident Dr. Wolfgang Nitzsche hob in seinem Grußwort hervor: „Und so ehren wir heute eine Frau, die weiß, dass Demokratie und Kultur keine abgeschlossenen Einheiten ohne Fenster nach außen sind, sondern immer schon von Austausch, vom offenen Wort, von Toleranz und Akzeptanz gelebt haben."

Die Laudatio auf Dietlind Glüer hielt Dr. Harald Terpe, Weggefährte während der friedlichen Revolution des Herbstes 1989 und später langjähriges Mitglied des Deutschen Bundestages und der Rostocker Bürgerschaft. Darin zeichnete er schlaglichtartig Stationen im Leben von Dietlind Glüer nach. „Es schwingt Tatkraft und geerdete Lebensfreude mit." Größter Schwerpunkt der Laudatio war die friedliche Revolution. Dr. Harald Terpe unterstrich: „Ihre Wahrhaftigkeit und Autorität ermöglichten ihr, entscheidend zur Gewaltfreiheit beizutragen. An diesem Glück hat Dietlind beharrlich mitgeschmiedet." Im Namen vieler Gäste unterstrich der Laudator: „Vielen Dank, dass wir Deine Weggefährten sein dürfen!"

In ihren Dankesworten hob Dietlind Glüer hervor: „Ich habe die Ehrenbürgerschaft in Stellvertretung für Viele angenommen, die damals mitgewirkt haben." Sie erinnerte an Repressionen während ihrer Schulzeit und an den Aufbau der Südstadtgemeinde, aber auch an Christoph Kleemann und Irmgard Rother als Mitstreiter während der friedlichen Revolution. Zugleich unterstrich Dietlind Glüer: „Zuversichtlich macht mich, wenn ich die vielen jungen Gesichter sehe, die für ein offenes und tolerantes Rostock demonstrieren." Zugleich ermutigte sie junge Menschen, Verantwortung zu übernehmen, wenn sie gebraucht werden.

Bundespräsident a.D. und Rostocker Ehrenbürger Joachim Gauck gehörte zu den ersten Gratulanten. „Ich bin heute besonders stolz, ein Rostocker zu sein!" Er dankte Dietlind Glüer mit den Worten: „Ich gehöre zu denen, die Du ermutigt hast." Zugleich erinnerte Joachim Gauck unter Bezug auf die friedliche Revolution: „Es war eine Frau aus der Mitte des Volkes!"

Die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Dietlind Glüer geht auf einen Beschluss der Bürgerschaft vom 5. September 2018 zurück. Darin heißt es: „Dietlind Glüer gehörte zu den maßgeblichen Persönlichkeiten der friedlichen Revolution von 1989/ 1990. Selbstlos und mutig setzte sie sich für die demokratische Umgestaltung Rostocks ein. Insbesondere durch ihre menschliche Integrität und ihre Fähigkeit, Menschen persönlich anzusprechen, prägte sie die Umgestaltung Rostocks mit. Als Ansprechpartnerin und motivierende Kraft, die viele Ängstliche zur Mitgliedschaft in einer organisierten Gruppe der bürgerschaftlichen Protestbewegung anregte, als Ideengeberin wie als Netzwerkerin hat sie sich bleibende Verdienste für den friedlichen Umbruch in Rostock erworben. Mit ihrer beziehungsorientierten Herangehensweise gab sie den Ereignissen von 1989/ 1990 ein weibliches Gesicht. Zu Recht wird sie von vielen als „Mutter der friedlichen Revolution" bezeichnet."

Dietlind Glüer wurde 1937 in Osterode/ Ostpreußen geboren. Nach dem Krieg flüchtete die Familie nach Mecklenburg. Dietlind Glüer besuchte die Schule in Bützow, später die Große Stadtschule in Rostock, wo sie 1956 ihr Abitur ablegte. Anschließend absolvierte sie eine Ausbildung zur Gemeindepädagogin bei der Evangelischen Kirche und war in der Kinderund Jugendarbeit in Güstrow, Rostock und Schwerin tätig. Als Gemeindehelferin baute sie die Evangelisch-Lutherische Gemeinde in der neu entstandenen Rostocker Südstadt mit auf.

Dietlind Glüer, die in einem christlichen Elternhaus aufwuchs, erlebte bereits als Jugendliche, wie Christen, insbesondere die Jungen Gemeinden, von staatlicher Seite bedrängt wurden. Ganz bewusst wählte sie einen Beruf im Umfeld der Kirche, um sich dem Einfluss des atheistischen Staates zu entziehen.

Als „folgerichtig" bezeichnete Dietlind Glüer daher auch ihr Engagement beim Rostocker Neuen Forum, das sie 1989 mitbegründet hat. Zu der von ihr moderierten Gründungsveranstaltung in der Michaeliskirche erscheinen unerwartet viele Teilnehmende, die über Alternativen zum bestehenden politischen und wirtschaftlichen System diskutieren. Dietlind Glüer engagierte sich, um den demokratischen Meinungsbildungsprozess zu unterstützen. Sie beteiligte sich auch an der Besetzung der Stasi-Zentrale in Rostock. Die schriftlichen Zeugnisse der untergegangenen Diktatur sollten keinesfalls der Vernichtung durch die Täter überlassen werden.

Ab 1990 setzte sich Dietlind Glüer vier Jahre in der Rostocker Bürgerschaft im Bündnis 90 für die Belange der Stadt ein. Heute trifft man Dietlind Glüer oft in dem von ihr mitaufgebauten Café „Marientreff" des Vereins Drehscheibe e.V. , wo sie bis heute weiter Menschen in ihrem politischen Engagement begleitet und bestärkt.

Für ihr Engagement erhält Dietlind Glüer 1995 das Bundesverdienstkreuz. Ihr Wirken für Demokratie, ihr Einsatz für Mitbestimmungsmöglichkeiten und für das Gemeinwohl wurde in der Ausstellung „Frauen, die Mecklenburg-Vorpommern bewegen" der Heinrich-Böll-Stiftung M-V gewürdigt. In ihrem Portrait ließ sie sich mit folgendem Satz zitieren: „Einsam bist du klein, aber gemeinsam können wir Anwalt der Lebendigen sein." Außerdem gehörte Dietlind Glüer 1990 zu den Kulturpreisträgern der Hansestadt Rostock und erhielt 2013 die Bugenhagen-Medaille der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland.

Das Ehrenbürgerrecht ist die höchste Auszeichnung, die die Hanse- und Universitätsstadt Rostock vergibt. Mit dem Ehrenbürgerrecht werden Persönlichkeiten gewürdigt, die außergewöhnliche und bleibende Verdienste um die Hanse- und Universitätsstadt Rostock erworben haben. Seit 1816 wurde das Ehrenbürgerrecht in Rostock insgesamt 28-mal verliehen. Fünf dieser Ehrungen wurden zwischenzeitlich durch Aberkennungen korrigiert.


Bild: Dietlind Glüer ist Rostocks erste Ehrenbürgerin. (Foto: Joachim Kloock)


PM

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