Bühne
Der Mensch hat mehr als zwei Gesichter
Apr 25
Regisseurin Vera Nemirova und Komponist Viktor Åslund bringen Hermann Hesses „Der Steppenwolf“ in einer „Rostocker Fassung“ auf die Bühne.
Wer bin ich? Was macht mich aus? Die Antwort auf diese Fragen ist für jeden Menschen individuell. Die dynamische Oper „Der Steppenwolf“ zeigt auf ganz eigene Art und Weise, wie wir zu einer Erkenntnis gelangen können.
Der Gelehrte Harry Haller fühlt sich gefangen in einer Gesellschaft, in der es Vergnügungs- und Entertainmentangebote im Überfluss gibt. Seine Nächte verbringt der Anfang 50-Jährige lieber zu Hause mit einem Glas Wein in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand. Dabei umgibt ihn seine innere Unruhe wie ein dunkler Schatten.
In seinem Roman stellt Hesse die Figur des Harry Haller als Mann mit zwei Persönlichkeiten dar. Doch in der Version von Vera Nemirova wird der Protagonist durch drei geteilt, „das Publikum betrachtet Harry wie durch ein Kaleidoskop. Das unterstreicht den Gedanken des Buches“, fügt die Regisseurin an. Wir sehen den intellektuellen, von Zweifeln geplagten Harry Haller (Sänger Grzegorz Sobczak), der von seinem animalischen, lebenshungrigen Wolfstrieb (Tänzer Flurin Stocker) aus seiner Konformität gerissen wird. Dazu bringt die Kunstfigur des Steppenwolfs (Sänger Kosma Ranuer Kroon) die Handlung voran.
So begleitet der Zuschauende einen Mann, der über die zufällige Begegnung mit der lebensfrohen Prostituierten Hermine (Sängerin Julia Ebert) wieder zu sich selbst und seinem Lachen findet. Sie lehrt ihn das Tanzen, erinnert ihn an all die Liebe im Leben. Julia Ebert sieht ihre Figur als Gegenspielerin des Steppenwolfs – wie Engel und Teufel. „Die Freiheit ist nicht im Tod, sondern im Leben zu finden.“
Hesse spreche Themen an, die nie an Aktualität verlieren werden, betont Grzegorz Sobczak. In Vorbereitung auf seine Rolle habe er sich mit dem Buch auseinandergesetzt und wurde an seine eigene Zeit als Teenager erinnert. „Früher habe ich mich auch missverstanden gefühlt. Ich glaube, das ist etwas total Universales für alle Menschen.“ Damals wie heute seien die Menschen von Unsicherheiten und Zukunftsängsten geplagt. „Der Roman hat sich seit 1920 nicht verändert, die Menschen die ihn lesen aber schon.“ Je nach Alter und Lebenslage könne man aus dem Roman Erkenntnisse für sich ziehen, unterstreicht die europaweit gefeierte Opern-Regisseurin Vera Nemirova.
Genauso vielseitig wie die Persönlichkeit eines jeden Menschen wird das Bühnenbild von Mathis Neidhardt. Die Wohnung eines Professors, eine Gasse, eine Kneipe, in der Live-Musik gespielt wird, und schließlich das Magische Theater, das so manche Überraschung bereithält. All das versteckt in einem drehbaren Kasten, einer Art „Mysterie-Box.“
Die Musik zur Oper „Der Steppenwolf“ hat Viktor Åslund für die Uraufführung 2016 in Würzburg geschrieben. Für die Rostocker Fassung hat er sie variiert. Åslunds Komposition wirkt durch die ständig wechselnden Takte elektrisch, teilweise sogar melancholisch. Das begeistert vor allem den 1. Kapellmeister, Eduardo Browne Salinas, der die Aufführungen musikalisch leiten wird. „Ich habe mein ganzes Leben Leute studiert, die vor 200 Jahren gestorben sind. Es ist ein Geschenk, dass wir jetzt die Chance haben, mit dem Komponisten zu arbeiten.“
Julia-Cecile Schmidt
Premiere „Der Steppenwolf“
12.04.2025 · 19.30 Uhr · Großes Haus
Foto: Der Intellektuelle Harry Haller (Grzegorz Sobczak, r.) trifft bei seinem Selbstfindungstrip auf Maria (Ekaterina Aleksandrova, l.) und Hermine (Julia Ebert).
Foto: Thomas Ulrich
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